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Buchbesprechung
Der Artikel erschien erstmalig im TESTUDO, Vereinszeitschrift der SIGS, Ausgabe
März 2006.
Einleitung
Über deutschsprachige Neuerscheinungen können sich Schildkrötenliebhaber in letzter
Zeit wahrlich nicht beklagen und es wird zunehmend schwieriger, die Übersicht in
der aktuellen Schildkrötenliteratur zu bewahren. Wir von der TESTUDO-Redaktion bemühen
uns, die wichtigsten, deutschsprachigen Neuerscheinungen der letzten Zeit in den
kommenden TESTUDO-Ausgaben zu präsentieren.
Neben einer Vielzahl von Büchern über die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni)
gibt es nur ganz wenige Werke zu spezifischen Schildkrötenarten. Allein schon deshalb
erweckte bei mir die Ankündigung eines neuen Buches des Natur und Tier-Verlags mit
dem Titel „Zacken-Erdschildkröten“ grosses Interesse. Hinzu kam der Umstand, dass
ich selber seit einigen Jahren diese kleinen, unscheinbaren Schildkröten pflege
und vermehre. Literatur über Zacken-Erdschildkröten (Geoemyda spengleri)
zu finden, die über die Beschreibung des Aussehens hinausgehen, war bisher auf ein
paar wenige Publikationen in einschlägigen Zeitschriften beschränkt. Meine Geduld
wurde dann vom Verlag doch ein wenig strapaziert, da seit der Ankündigung beinahe
ein Jahr bis zum Erscheinungstermin im November 2005 verstrichen ist.
Der Autor
Dem Verfasser des Werkes, Ingo Schaefer, bin ich persönlich noch nicht begegnet.
Er ist aber als profunder Experte unter den Haltern von Zacken-Erdschildkröten über
die deutschen Landesgrenzen hinaus bekannt. Zwanzig Jahre Erfahrung in Haltung und
Vermehrung sowie verschiedene Expeditionen zu den Lebensräumen dieser eigentümlichen
Schildkröten stellen die Basis des vorliegenden Buches dar. Ebenso ist in das Buch
die Auswertung bisheriger wissenschaftlicher Arbeiten der Gattung Geoemyda
eingeflossen. So konnte Ingo Schaefer zwei weitere Personen als Mitautoren gewinnen.
Das Kapitel zur Gelbkopf-Erdschildkröte (Geoemyda silvatica) wurde von
Dr. Peter Praschag, dasjenige über das Sehvermögen der Chinesischen Zacken-Erdschildkröte
(Geoemyda spengleri) von Dipl. Biol. Miriam Henze verfasst.
Thema
Landläufig bezeichnet man im deutschen Sprachraum mit Zacken-Erdschildkröte die
Schildkrötenart Geoemyda spengleri. Das Thema des vorliegenden Buches ist
jedoch
weiter gefasst und handelt von der Gattung Zacken-Erdschildkröten (Geoemyda)
mit
seinen drei Arten
- Chinesische Zacken-Erdschildkröte (Geoemyda spengleri)
- Japanische Zacken-Erdschildkröte (Geoemyda japonica)
- Gelbkopf-Erdschildkröte (Geoemyda silvatica)
Ob diese skizzierte Systematik in der Zukunft Bestand haben wird, ist zu bezweifeln.
Unbestrittenerweise besteht zwischen den zwei erst genannten Arten (G. spengleri
und G. japonica) eine nähere Verwandtschaft als zu G. silvatica,
die von einigen
Wissenschaftlern der Gattung Heosemys zugeordnet wird.
Aus dem Inhalt
Der allgemeine
Wissensstand über die drei Arten ist sehr unterschiedlich. Während
die Chinesische
Zacken-Erdschildkröte bezüglich Vorkommen, Habitat und Haltung in Menschenobhut relativ gut bekannt ist, sind die anderen beiden Arten weitgehend unerforscht. Entsprechend gestaltet sich das Buch, 68 Seiten sind der Chinesischen Zacken-Erdschildkröte
gewidmet und nur 33 Seiten den beiden anderen Arten der Gattung
Geoemyda. Die
Japanische Zacken-Erdschildkröte als auch die Gelbkopf-Erdschildkröte spielen bezüglich
Haltung keine Rolle, da sie extrem selten und kaum ausserhalb ihres Ursprungslandes
gehalten werden. So verzeiht der Leser gerne, dass der Schwerpunkt des Buches bei
der Chinesischen Zacken-Erdschildkröte liegt und dadurch von der zwanzigjährigen
Erfahrung des Halters profitieren kann.
Das Buch von Ingo Schaefer gliedert sich
in einen allgemeinen Teil, der die Entdeckungsgeschichte,
geografische Verbreitung
sowie gemeinsame biologische Aspekte der drei Arten beschreibt. Der spezielle
Teil widmet sich dann, wie bereits erwähnt, schwergewichtig der Haltung der Chinesischen
Zacken-Erdschildkröte. Beim ersten Durchblättern ist man von der professionellen
Aufmachung und vor allem von den hervorragenden Bildern begeistert.
Allerdings ist man als Leser der Terraristik-Reihe vom Natur und Tier – Verlag auch nichts
anderes gewohnt. Eine klare, themenorientierte Gliederung des Buches erleichtert
das Auffinden von speziell interessierenden Kapiteln.
Mit besonderem Interesse
las ich das Kapitel, wie die Chinesische Zacken-Erdschildkröte den Weg nach Europa
fand. Der Autor hat sein Wissen über diese Tiere durch Reisen ins Ursprungsgebiet
sowie der eigenen Beobachtung im Terrarium ständig erweitert. Für den Halter von Geoemyda spengleri sind die Kapitel über Terrarienanlage, Einrichtung, Futterangebot,
Inkubation und Aufzucht von zentraler Bedeutung. Aufgrund dieser Themen ist es
dem „Geoemyda-Einsteiger“ möglich, die Schildkröten aus den bergigen Nebelwäldern
Vietnams und Chinas artgerecht zu versorgen. Allerdings fehlt der wichtige Aspekt
der Winterruhe. Die Einhaltung einer der Natur nachempfundenen
Winterruhe mit
den im Ursprungsgebiet herrschenden Temperaturen ist meines Erachtens eine unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Haltung und Vermehrung dieser Art. Eine Absenkung
der Temperatur um wenige Grade, wie es der Autor vorschlägt, genügt meiner Meinung
nach nicht und führt nicht zum notwendigen Jahreszyklus des Hormonhaushaltes der
Schildkröte. Ebenso kann ich die Fütterung mit Rinderherz nicht nachvollziehen.
Nirgendwo wird die Zacken-Erdschildkröte in freier Natur auf das proteinreiche
Rinderherz stossen. Es zeigen denn auch einige Tiere in den Abbildungen
Ansätze
zu Fettpolstern zwischen Carapax und Hinterbeinen.
Vorbildlich und in besonderem
Masse erwähnenswert ist die vom Autor mit Bildern
dokumentierte Terrarienanlage. Jedes einzelne Terrarium, welche für die zahlreichen Zacken-Erdschildkröten eingerichtet
ist, stellt ein kleines, perfektes Ab-bild des Lebensraumes dieser Schildkröten
dar. Dies allein genügt noch nicht für optimale
Haltungsbedingungen. Der Raum,
der die Terrarien beherbergt, muss das geeignete Klima (Temperatur und Feuchtigkeit)
aufweisen, welche die klimatischen Bedingungen im Ursprungsgebiet nachahmt. Dem
Leser wird vor Augen geführt, dass auch solch kleine und unscheinbare Schildkröten grosse Anforderungen an den Halter bezüglich der notwendigen
Einrichtungen stellen
können. Unbedingt erwähnen sollte man aber auch, dass gerade feuchtigkeitsliebende
Schildkröten wie sie die Schildkröten der Gattung Geoemyda
darstellen, ein hohes
Mass an pflegerischem Aufwand erfordern.
Kritische Würdigung
Ohne Übertreibung
darf man das vorliegende Werk zum ersten und bisher einzigen Standardwerk zur
Chinesischen Zacken-Erdschildkröte im deutschen Sprachraum benennen. Bei allen
mir bekannten, bisherigen Veröffentlichungen wurden nur einzelne Aspekte aufgeführt.
Die Absicht des Autors, ein umfassendes Werk zu erstellen, ist gelungen und dafür
gebührt ihm grosse Anerkennung. Als Buchautor hätte ich mich vielleicht dazu entschieden,
nur über die Chinesische Zacken-Erdschildkröte zu schreiben und die anderen beiden
Arten wegzulassen. Zu wenig ist darüber bekannt, viele Informationen beruhen auf
Mutmassungen. Die Gefahr besteht, dass der Informationsgehalt dieses Buches gerade
deshalb sehr schnell veraltet. Der Auszug der Diplomarbeit von Frau Dipl. Biol.
Miriam Henze über das Sehvermögen bei Geoemyda spengleri stellt meines Erachtens
ein Fremdkörper im Buch dar, der weder vom Detaillierungsgrad des Themas noch die wissenschaftliche Sprache zum übrigen Inhalt passt. Eine Zusammenfassung der Erkenntnisse
aus der Diplomarbeit in den Worten des Autors hätte den Abschnitt lesefreundlicher
gestaltet. Diese wenigen, kritischen Bemerkungen schmälern das gelungene Werk aber
nicht. Das von Prof. Fritz Jürgen Obst im Geleit erwähnte Ziel, mit diesem Buch
beizutragen, dass die Population der Zacken-Erdschildkröten in den Terrarien der
Liebhaber sich stabil und individuenreich entwickeln kann, wurde bezüglich
Geoemyda spengleri mit Bestimmtheit erreicht.
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